hlkopf

 

 

Service-orientierte Architekturen:

Materialien mit Hilfe intelligenter Prozesse zur rechten Zeit am rechten Ort

Das Konzept Service-orientierter Architekturen (SOA) läutet in der Welt der Bits und Bytes und damit auch in der Informationslogistik eine neue Ära ein: Ein weiterer Schritt hin zu der Vision, IT und Geschäftsprozesse genauer zu synchronisieren, wird Wirklichkeit. Statt einem bestimmten Geschäftsprozess wie ehemals eine fixe, monolithische IT-Lösung zuzuweisen, arbeitet SOA mit kleineren Einheiten. Die einzelnen, wieder verwendbaren „Business-Services“ werden lose gekoppelt und je nach Geschäftsprozess konfiguriert. Analog zu einem herkömmlichen Kaufvorgang bezieht ein bestimmter Geschäftsprozess aus einem Angebot von Einzel-Services die von ihm benötigte Kombination und erhält so seine maßgeschneiderte, von einzelnen Systemen unabhängige IT-Unterstützung. Voraussetzung ist eine genaue Definition der einzelnen „Business-Services“. Über das SOA-Konzept aus dem Blickwinkel der Informationslogistik sprach Harald Lutz mit Dr. Wolfgang Martin, europäischer Experte und unabhängiger Marktbeobachter der IT-Landschaft aus dem französischen Annecy.


Dr. Wolfgang Martin wie man ihn kennt.

Redaktion H.Lutz: Das Thema Service-orientierte Architekturen ist derzeit in aller Munde. Was hat SOA überhaupt mit der Informationslogistik zu tun?

Dr. Martin: Eines der größten SOA-Projekte überhaupt läuft derzeit im Bereich Logistik: die Umstellung der gesamten IT-Systeme der US-Army für die Bewältigung des weltweiten Materialflusses. Dieses Beispiel belegt eindrucksvoll, dass Logistiker mit globalen Anforderungen heute nicht mehr darauf verzichten können. Mit Hilfe einer SOA optimieren Sie zunächst die Prozesse, um zu gewährleisten, dass Materialien und Ersatzteile mit hinreichender Geschwindigkeit und Flexibilität an die richtigen Stellen bewegt werden.

____ Im Gegensatz zu den Marketing-Slogans mancher Softwarehäuser definieren Sie SOA nicht als reines Technologie-Thema. Welche Rolle spielen die Geschäftsprozesse bei diesem Ansatz?

Dr. Martin: Es geht beim Thema Service-orientierte Architekturen tatsächlich primär um Lösungen: intelligente Prozesse, die sich so steuern, dass Probleme rechtzeitig erkannt und vermieden werden. Weitere wichtige Punkte sind das Industrialisieren und flexible Gestalten von Prozessen. Das Geld steckt in den Geschäftsprozessen! SOA ist zunächst ein Architektur-Ansatz, um anschließend die optimierten Prozesse mit Hilfe von Informationstechnologie umzusetzen. Die technischen Details, die dahinter stecken, muss ein Logistiker nicht unbedingt kennen. Über die Möglichkeiten und Chancen, die das SOA-Konzept bietet, sollte er unbedingt informiert sein. Innovative Prozesse lassen sich mit einem SOA-Konzept modellieren und damit gewinnbringend und vor allem flexibel gestalten.

____ Warum sollten zumindest international operierende Unternehmen heute nicht mehr länger auf die Umsetzung verzichten?

Dr. Martin: Die Markt-Anforderungen verlangen heute, durch Standardisierung und Automatisierung hoch flexibel und gleichzeitig günstig zu sein. Wenn diese beiden Kriterien, die sich im Sinne der traditionellen IT widersprechen, auch die Zielvorgaben eines Unternehmens sind, dann ist die Einführung einer SOA die richtige Lösung für diese Aufgabenstellung. Ich empfehle insbesondere Unternehmen, die in einem sich ständig ändernden Umfeld tätig sind, dringend den Aufbau einer Service-orientierten Architektur ihrer IT-Systeme. Bei Mercedes-Benz in USA beispielsweise wird bereits das gesamte Ersatzteilemanagement über eine SOA abgewickelt: einerseits detailgetreu standardisiert, weil Ersatzteile langlebig sind und über Jahre hinweg vorgehalten werden müssen, andererseits hoch flexibel, weil ständig neue Produkte herauskommen und immer wieder neu zu kombinieren sind.


An den Messeständen nachgefragt: RFID-Technologie für
SOA-basierende Logistikprozesse.


____ Sie bemühen Beispiele aus den USA. Haben denn Deutschland und Europa in puncto SOA nichts aufzuweisen?

Dr. Martin: Was das Thema SOA angeht, so hat mein verehrter Analysten-Kollege Ronald Schmelzer, Senior Analyst bei ZapThink aus Waltham, USA, erst kürzlich darauf hingewiesen, dass Europa gedanklich sogar weiter ist. Auf dem alten Kontinent sind die Unternehmen traditionell stärker prozessorientiert. Als Beispiel für eine Vorreiterschaft in Sachen SOA ist hier an erster Stelle die Deutsche Post AG zu nennen. Sehr erfolgreich operieren mit SOA auch die PO Ferries.

____ Oftmals wird im gleichen Atemzug das Thema „Business Intelligence“ genannt. Wo liegen die Gemeinsamkeiten und wo die Unterschiede?

Dr. Martin: Was man natürlich in einer SOA heute sehr schön tun kann, ist auch die intelligente Steuerung der Prozesse. Dazu gehören solche Dinge wie die bereits eingangs angesprochene Anforderung, die richtigen Produkte zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu befördern. Dahinter steckt „Business Intelligence“ (BI), die über eine SOA verfügbare Services für die Prozesse zur Verfügung stellt. Nehmen wir als Beispiel eine intelligente Steuerung eines Webshops. Kostentreiber in einem Webshop sind Bestellungen, die nicht bedient werden können, weil das Produkt ausverkauft ist. Die „Business Intelligence“ hierzu funktioniert im Prinzip wie bei einem Geldwechselautomaten: Bevor Sie Münzen einwerfen, muss der Automat auch sicher stellen, dass er überhaupt wechseln kann. Die Maschine muss über den einzelnen Münzbestand in den verschiedenen Geldfächern genau Bescheid wissen – also einen kombinierten Schwellenwert ausrechnen – damit sie immer wechselbereit ist. Nach dem gleichen Muster geht man bei der Aufgabenstellung Produktverfügbarkeit im Webshop vor. Wenn ein Kunde bestellt, muss sicher gestellt sein, dass das Produkt auch wirklich lieferbar ist.

Das Thema BI hat aktuell zwei Stoßrichtungen: zum einen die Einbettung der Intelligenz in die Prozesse, zum anderen geht es um den Einsatz von Sensoren, um die Prozesse kontinuierlich zu überwachen. Damit verfügt man über detailgetreue Informationen, um die Prozesse optimal zu steuern. In der Praxis wird heute als Sensor ja immer mehr die RFID-Technologie eingesetzt. Die RFID-Sensoren liefern die Daten für eine „Business Intelligence“ zur optimalen Steuerung von SOA-basierenden Logistikprozessen.

Kontakt: www.wolfgang-martin-team.net
 

SOA wird Markt für Systemintegration in Deutschland stark vorantreiben

Die aktuelle Marktdurchdringung in Bezug auf Services, Produkte und Branchen von Service-orientierten Architekturen (SOA) in Deutschland haben auch die Analysten von Pierre Audin & Consultants (PAC) in ihrer aktuellen Studie „Service Orientated Architecture 2006 Germany“ untersucht. Obwohl im europäischen Vergleich Großbritannien und Frankreich weiter fortgeschritten sind, lautet die Analysten-Prognose für den deutschen Markt sehr optimistisch: SOA werde auch die Entwicklung des IT-Marktes in Deutschland mehr und mehr beeinflussen und mittelfristig den Markt für Systemintegration stark vorantreiben. Dies fange im Bereich IT-Services mit kleinen Projektvolumina beispielsweise von Pilot- oder Implementierungsprojekten an, werde jedoch im Laufe der Zeit in beeindruckende Wachstumsraten münden. Da mit SOA ein Paradigmenwechsel verbunden sei, erwartet PAC, dass Anwender in den kommenden zwei bis drei Jahren hauptsächlich in Beratungsservices, inkl. IT-Architektur-Beratung, investieren werden. Unternehmen würden IT-Anbieter zum einen für die Entscheidung benötigen, ob SOA für ihr Geschäftsmodell geeignet ist. Zum anderen benötigten sie Beratung bei der Definition ihrer „Business Services“. Über den Erfolg der SOA-Strategie entscheide letztendlich die Qualität. Für die späteren Implementierungsphasen würden SOA-Projekte mehr und mehr den in Deutschland bereits weiter verbreiteten Enterprise-Application-Integration- (EAI)-Projekten ähneln, stellten doch beide höchst komplexe Integrationsprojekte dar. / H.L.

Kontakt: www.pac-online.com

Veröffentlicht in:  „Deutsche Logistik-Zeitung (DVZ)“

© Harald Lutz 2007
 



Page Design by Schaffrina Design