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Künstliche Intelligenz:

„Gelebte Realität und zugleich Zukunftsvision“

Das Megathema „Künstliche Intelligenz“ (KI) ist derzeit in aller Munde. Was ist dran an dieser an sich gar nicht mehr so jungen Technologie? Wie verändern die selbst entscheidenden Algorithmen die Prozesse in der Automobilindustrie? Welche Gefahren birgt die Allmacht von Algorithmen für den Menschen? Harald Lutz sprach mit Dr. Corinna Apachite, Head of Artificial Intelligence and Big Data Solutions bei der Division Interior von Continental.

Redaktion H. Lutz: Worin sehen Sie den Reiz, aber auch die Irritationen rund um den aktuellen Hype „Künstliche Intelligenz“?

Dr. Apachite: KI ist zunächst ein Teil der Computerwissenschaft und besteht aus einem bunten Strauß von Algorithmen und Methoden, die heute in jedes Teilgebiet der Informatik Einzug gehalten haben und bereits während des Studiums angeboten werden. Der Begriff wird aber auch oft missverstanden. Dafür sehe ich vor allem drei Hauptfaktoren: Erstens ist – auch durch populäre Horrorfilme – ein gewisses falsches Verständnis im Bewusstsein der Menschen entstanden. Zum anderen ist KI an sich sehr breit aufgestellt, angefangen bei Suchfunktionen bis hin zu „Deep Learning“, und wird damit schwer fassbar. Und zum Dritten wird KI, sobald ein Prozess in einem Teilbereich funktioniert, nicht mehr als KI wahrgenommen, so z. B. Spamfilter bei E-Mail-Systemen. Es ist KI, die heute dafür sorgt, dass E-Mails klassifiziert und Spammails aussortiert werden können.

Corina-Apachite

 

Dr. Corinna Apachite.

____Wie wird die Automobilbranche überhaupt von künstlicher Intelligenz tangiert?

Dr. Apachite: Das fängt mit der Optimierung interner Prozesse an, danach kommen die Produkte an sich. Die Komplexität, beispielsweise ein selbstfahrenden Fahrzeug zu entwickeln, wird schon bald mit Hilfe von KI zu bewältigen sein. Für Ingenieure alleine ist es unmöglich, diese Komplexität zu überblicken, zu beherrschen und darauf aufbauend neue Produkte zu entwickeln. Wir nutzen KI aber auch im Industrie-4.0-Kontext, um z. B. mögliche Fehler auf unseren Platinen zu erkennen.

____Welche Faktoren haben dazu geführt, dass insbesondere im zurückliegenden Jahrzehnt der entscheidende Durchbruch gelingen konnte?

Dr. Apachite: Insbesondere drei Faktoren haben dazu geführt, dass wir heute von einer Revolution bei der KI sprechen: Zum einen wurden die Algorithmen stetig weiterentwickelt und sind wesentlich besser als noch vor zehn Jahren. Die Datenbestände, die dafür benötigt werden, um die Algorithmen zu trainieren, sind heterogener und sehr viel größer geworden. Und drittens sind die Hardwarekapazitäten enorm gewachsen. Vor allem diese drei Faktoren haben dazu geführt, dass KI eine komplett andere Wirkung erzielen und weit mehr Aufgaben übernehmen kann als früher – und das auch mit einer hohen Zuverlässigkeit, die vorher nicht gegeben war, weil beispielsweise nicht genügend Trainingsdaten für die Algorithmen verfügbar waren.

____Inwieweit ist KI heute bereits Realität und inwieweit noch Zukunftsvision?

Dr. Apachite: Wir sind noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. Deshalb ist künstliche Intelligenz immer auch noch Zukunftsmusik. Heute eignet sich die Technologie bereits sehr gut für die Erledigung einzelner Aufgaben, z. B. Objekte auf Bildern oder die Fahrspur auf der Straße zu erkennen etc. Die Wissenschaft spricht in diesen Fällen von „schmaler KI“. Einzelne Aufgaben können problemlos von KI-Algorithmen übernommen werden, die mittlerweile so weit entwickelt sind, dass sie mehr und mehr auch in Produkte Einzug halten.

Die Zukunftsmusik wird sich aber vor allem auf dem Feld der „General-KI“ abspielen. KI-Algorithmen werden in naher Zukunft auch umfassende menschliche Aufgaben übernehmen wie z. B. das Führen eines Fahrzeugs. Das Fahren ist ein Konglomerat an komplexen Aufgaben, das aus vielen Teilkomponenten besteht. Dort sind wir noch nicht angekommen.

Biometric Access

Fotos: Continental

KI hält  Einzug in die  Automotivebranche.

____Im Fokus für die Automobilbranche steht also vor allem das Megathema „Autonomes Fahren“ und der Weg dahin?

Dr. Apachite: KI gehört zu den Schlüsseltechnologien, die das autonome Fahren überhaupt erst ermöglichen werden. Wir von Continental Automotive orientieren uns dabei an dem Stufenmodell von SAE International (ehem. Society of Automotive Engineers), angefangen bei Level 0 (keine Automation) bis hin zu Level 5 (vollständige Automation). Bereits ab Level 3 (bedingte Automatisierung) und Level 4 (Hochautomatisierung) fängt KI an, auf dem Weg zum autonomen Fahren eine wichtige Rolle zu übernehmen.

Ein aktuelles Projekt in diesem Zusammenhang ist beispielsweise die Entwicklung eines Notbremsassistenten, der kritische Situationen selbstständig erkennt und entsprechend reagiert, wenn der Fahrer oder die Fahrerin untätig bleibt. Das KI-gestützte System übernimmt z. B. die Fußgängererkennung, Menschen werden auf Bildern erkannt etc. Alle verfügbaren Informationen fließen in einem Algorithmus zusammen, und der entscheidet schlussendlich, ob gebremst werden muss oder eben auch nicht.

____In diesem Zusammenhang wird derzeit heiß die Frage nach den ethischen Standards von maschinellen Entscheidungen durch Algorithmen diskutiert. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Dr. Apachite: Entscheidungsalgorithmen in kritischen Situationen Leben gegen Leben abwägen zu lassen, ist ein sehr wichtiger Punkt. Im Idealfall wird man in so eine Situation gar nicht kommen, weil alle Gefahren rechtzeitig erkannt werden und vorher entsprechend reagiert wird. Die Fahrzeugsysteme dürfen mit ihrer Reaktion also auf keinen Fall so lange warten, bis eine unausweichliche Situation und damit ein ethisches Dilemma entsteht.

Eine Frage dieser Dimension kann aber auf gar keinen Fall von KI-Entwicklern alleine beantwortet werden. Um die Ethikfrage zu diskutieren und Ansätze für deren Umsetzung zu erarbeiten, müssen vielmehr mehrere Parteien aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft an einen Tisch kommen. Mittlerweile wurden spezielle Ethikkommissionen gegründet – auch innerhalb Deutschlands. Ergebnisse werden wir als wichtigen Input für unsere weiteren Entwicklungen heranziehen. Bislang allerdings sind verbindliche nationale und internationale Standards leider Fehlanzeige.

____Heißt das, dass sich in Deutschland und auch international bis auf Weiteres in der Ethikfrage nichts bewegt?

Dr. Apachite: Das kann man so nicht sagen. Wie man Produkte und Funktionen, die KI-Algorithmen beinhalten, absichern kann, steht beispielsweise auch im Fokus der Debatte um die Zulassung von autonomen Fahrzeugen und wird sowohl auf politischer Ebene diskutiert als auch in verschiedenen Forschungsprojekten erarbeitet.

Veröffentlicht in: Automobil Industrie

© Harald Lutz 2019
 


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